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Open vs. Proprietär

Infos

Die folgenden Fragen sollen Ihnen dabei helfen zu entscheiden, ob Sie ein Open Source Soft- oder Hardwareprojekt unter eine Open Source Lizenz oder eher unter klassischen Schutz mit z.B. Patenten und proprietären Lizenzen mit dem Ziel einer möglichst wertvollen wirtschaftlichen Verwertung zu stellen.

Das Thema ist komplex und auch die folgenden Hinweise führen Sie nicht automatisch zu einer eineindeutigen Entscheidung. Diese Entscheidung hängt von mehreren Themenkomplexen ab, die entweder in die eine oder andere Richtung deuten. Viel hängt aber auch davon ab, wie Sie, Ihr Team und Ihre Organisation die einzelnen Themen gewichten. Die folgenden Fragen dienen dazu, Ihre Diskussion dazu zu leiten, bei der Abwägung zu helfen und alle relevanten Themen zu berücksichtigen. Ein zugehöriges Excel-Tool kann auf Basis Ihrer Antworten ein Polaritätsprofil für die Übersicht und zur Förderung dieser Diskussion erstellen.

Auch ist zu berücksichtigen, dass sich hier nicht zwei homogene Szenarien gegenüberstehen. Gerade die Vielfalt in Open Source Lösungen ist groß und es sind auch Fälle bekannt, wo Open Source Lizensierung mit durchaus erfolgreicher und signifikanter wirtschaftlicher Verwertung einhergehen (z.B. Linux-Distributoren oder Hardwareanbieter wie Arduino oder Prusa Research, die Open Source Elektronikkomponenten bzw. 3D Drucker herstellen und verkaufen). Eine Übersicht, die alle diese möglichen Szenarien abbilden würde, wäre nicht mehr handhabbar.

Vorab empfiehlt es sich, zu folgenden Themen zu recherchieren. Das müssen noch keine sicheren Aussagen sein, Tendenzen wären schon hilfreich.

Wollen oder müssen Sie Einnahmen generieren? Wenn ja, wofür und wie hoch in etwa? Hier wäre z.B. ein Unterschied, ob Sie für Ihre Einrichtung oder sich selbst einen möglichst hohen wirtschaftlichen Gewinn erzielen wollen oder nur die für die Weiterentwicklung und Unterhaltung Ihres Projektes notwendigen finanziellen Mittel (z.B. für Personal oder technische Kosten z.B. für Hosting).

Bei wem liegt das Ihrem Vorhaben zugrundeliegende geistige Eigentum (Patente, Urheberrecht) und die Nutzungsrechte daran (Lizenzen, etc.)? Bitte berücksichtigen Sie dabei alles, was in Ihr Projekt eingeflossen ist: nicht nur die Leistungen und Ergebnisse von Ihnen und Ihrem Team, sondern auch ggf. nachgenutzte Dinge wie z.B. Software-Bibliotheken, Programmcode, Softwarebestandteile oder Erfindungen von Menschen außerhalb Ihres Teams und Ihrer Organisation. Fällt Ihre Soft- oder Hardware unter Ausfuhrbeschränkungen oder Sanktionen? Das kann z.B. der Fall sein, wenn sie auch für militärische Zwecke nutzbar oder der Export in bestimmte Länder verboten ist. Forschungseinrichtungen haben typischerweise Expertise, die Ihnen bei der Beantwortung dieser Frage helfen kann.

Fragen

Fragestellung Pro Open Pro Proprietär
Personen / Team
Wie groß ist die Bereitschaft für zusätzliches Engagement? Gute Open Source Soft- oder Hardware erfordert einiges an Aufwand für
  • technische Weiterentwicklung
  • Soft- oder Hardware nutzertauglich bzw. nutzer-freundlich zu gestalten
  • kontinuierliche Behebung von Fehlern
  • Kontakt mit Nutzern (Support, Problemlösungen)

Dabei kann eine Community unterstützen. Eine aktive Community muss aber erst einmal gewonnen und gemanagt werden. (Gut gemachte) Open Source Projekte erfordern langfristiges Engagement. Dafür braucht es Menschen, die das tun wollen, die Zeit dafür haben und eine Finanzierung.
Bei einer proprietären, kommerziellen Verwertung ist der Aufwand für die Produktentwicklung auf wissenschaftlicher Seite gering. Auch Vermarktung, Support und Problemlösung liegen beim Lizenznehmer oder sonstigen Geschäftspartnern.

Allerdings ist das Finden und Überzeugen von Unterneh-men für diese Rolle meist kein Selbstläufer, sondern erfordert signifikantes Engagement. Hier kann die für Wissens- und Technologietransfer zuständige Organisationseinheit viel helfen, ganz ohne die beteiligten Wissenschaftlergeht es aber meistens nicht.

Proprietäre Projekte brauchen v.a. zu Anfang Engagement um Unternehmen zu finden, die dann kommerzielle Produkte daraus machen und vermarkten.
Besteht ein Erlösinteresse der beteiligten Personen und wie groß ist dieses? Alle (wesentlichen) Beteiligten sind sich einig, auch zukünftig nur wenig oder keinen finanziellen Profit aus ihrer Beteiligung an der Entwicklung des Ergebnisses ziehen zu wollen. Mögliche Einnahmen dienen v.a. dem Fortbestand und der Weiterentwicklung der Soft- oder Hardware. Allerdings kann das beinhalten, dass die eigene Stelle teilweise oder ganz finanziert wird. Einer oder mehrere Beteiligte wollen an einem Erfolg auch persönlich finanziell profitieren. Das können Lizenzeinnahmen, Verkaufserlöse oder Gewinnbeteiligungen sein.
Gibt es eine aktive Community rund um die Soft- oder Hardware bzw. ist es realistisch, diese aufzubauen? Eine aktive Community zur Mitentwicklung ist schon vorhanden oder kann sehr wahrscheinlich aufgebaut werden. Sie kann einen deutlichen Mehrwert beitragen, z.B. in der technischen Weiterentwicklung, der Nutzbetreuung oder der Fehlerbehebung. Idealerweise umfasst die Community nicht nur Forschungseinrichtungen, sondern auch Anwender und Unternehmen. Eine aktiv mitentwickelnde Community erscheint eher unwahrscheinlich zu etablieren bzw. eine existierende Community kann nur wenig Mehrwert beitragen. Oder die bestehende Community ist eine reine Forschungscommunity, die an den realen Anwenderfragestellungen vorbeiarbeitet.
Organisation
Welche Verwertungsart bevorzugt Ihre Organisation? Die Forschungseinrichtung hat eine erklärte Präferenz zugunsten einer Open-Source-Lösung. Dies kann sowohl durch institutionelle Vorgaben erfolgen (Policy-Dokumente, Richtlinien, Gremienbeschlüsse, etc.) oder auch durch einen informellen Rahmen (Kultur der Einrichtung, Gepflogenheiten, informelle Erwartungen, etc.) Die Forschungseinrichtung hat eine erklärte Präferenz zugunsten einer proprietären Lösung und einer kommerziellen Verwertung.
Sind Vor-Lizenzen für Ihre Soft- oder Hardware nötig? Beschränken diese eine Verwertung? Eine oder mehrere für das Ergebnis notwendige Lizenzen (auf von Dritten entwickelte Komponenten) zwingen zu einer Open-Lizensierung (Copyleft-Lizenz, die keine kommerzielle Verwertung erlaubt bzw. diese unattraktiv macht).

Der durch die Lizenz geschützte Bestandteil kann nicht bzw. nicht mit vertretbarem Aufwand durch ein eigenes oder freier lizensiertes Programm / Bauteil ersetzt werden.
Es besteht Freedom to Operate, alle Bestandteile des Ergebnisses unterliegen der Verfügungsgewalt der Forschungseinrichtung bzw. sind so lizensiert, dass eine proprietäre Nutzung und deren Vermarktung möglich ist.
Bestehen signifikante Haftungsrisiken? Ist die Soft- oder Hardware von Ausfuhrbeschränkungen oder Sanktionen betroffen? Oder fällt sie unter die Produkthaftung (das kann v.a. nach der neuen Produkthaftungsrichtlinie durchaus sein)? Wenn das Risiko für eine Haftung oder sonstige Konsequenzen gering ist, dann spricht das eher für eine Open Source Veröffentlichung. Produkthaftung oder andere rechtliche Anforderungen sind normales Geschäft bei einer kommerziellen Verwertung, mit den erzielten Erlösen kann man sich gegen Pro-dukthaftungsrisiken versichern. Ein Schutzrecht (z.B. Patent) in Verbindung mit einer proprietären Lizenz erlauben eine effektive Kontrolle hinsichtlich Ausfuhrbeschränkungen und Sanktionen.
Produkt
Wie hoch ist die technische Produktreife? Für Nutzer:innen muss eine Soft- oder Hardware eine gewisse technische Robustheit, Fehlerfreiheit, Usability und Dokumentation aufweisen. Der Aufwand hierfür sollte nicht unterschätzt werden.

Tendenziell spricht eine hohe bereits erreichte technische Produktreife bzw. ein überschaubarer Aufwand zum Erreichen dieser eher für eine Open Source Lösung.
Im kommerziellen Fall leistet die für ein Produkt notwendigen Arbeiten das lizensierende bzw. kaufende Unternehmen. Allerdings müssen Entwickler:innen / Wissenschaftler:innen das Unternehmen erst davon überzeugen (mit Prototypen, Tests, etc.), dass das geplante Produkt funktioniert und die gewünschten Parameter liefern kann.

Tendenziell spricht ein hoher Aufwand zum Erreichen der technischen Produktreife eher für eine proprietäre Lö-sung unter Beteiligung von Unternehmen.
Wie wichtig sind Vertrauen in bzw. Kenntnis der Funktionsweise? Das Vertrauen in bzw. das Wissen um die korrekte und leistungsfähige Funktionsweise ist für die Anwendung notwendig (z.B. Kryptographie). Der Einblick in Programmcode oder Designs und Stücklisten erlaubt das eigenständige Prüfen von Funktions- und Leistungsfähig-keiten. Auch die Möglichkeit zur eigenständigen Erweiterung durch eigene Hard- oder Software bzw. Veränderungen an Sourcecode oder Design sprechen für Open Lösungen. Wenn die Leistungsfähigkeit als Ergebnis belegt ist, aber das Verständnis von bzw. die Kontrolle der Funktionsweise eine untergeordnete Rolle spielt. Auch wenn keine eigenständigen Veränderungen oder Erweiterungen an Soft- oder Hardware erforderlich sind.
Wie hoch sind die Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit? Nutzer:innen erwarten sicheres und zuverlässiges Funktionieren, z.B. im medizinnahen Bereich. Aber auch in anderen Bereichen, v.a. wenn Open Source auch kommerziell genutzt wird, ist hohe Zuverlässigkeit wichtig.

Für Open Source geeignet sind daher nur Projekte, die
  • weder aus Nutzer:innen- noch juristischer Sicht Tests oder Zertifizierungen erfordern,
  • wo Zuverlässigkeit einfach getestet oder demons-triert werden kann,
  • wo Nutzer:innen notwendige Zertifizierungen einfach und preiswert selbst erlangen können.
Tests auf Zuverlässigkeit und das Einhalten bestimmter Leistungsparameter sind für kommerzielle Anbieter proprietärer Technologien in den meisten Fällen Bestandteil ihres Geschäftsmodells. Selbst aufwendige klinische Studien für Medizingeräte oder -software werden routinemäßig über die später den Nutzern berechneten Preise refinanziert.

Hohe Aufwände für notwendige oder erwartete Tests und zugehörige Zertifizierungen im medizinischen, aber auch technischen Bereich (CE-Zertifizierung) sprechen damit eher für eine proprietäre, kommerzielle Verwertung.
Wie wichtig ist die Reputation als Open Source für die Verbreitung? Die Reputation als Open Source Projekt kann realistisch(!) neue Kundengruppen erschließen bzw. die Technologie bekannter machen. Damit wird das Potential für Open Geschäftsmodelle signifikant vergrößert, z.B. für Services, Community-basierte Modelle oder duale Lizenzen. Die Technologie benötigt nicht die Reputation von Open Source, um große Bekanntheit und damit für ihre Zielgruppe bekannt und attraktiv zu werden. Wichtiger hingegen sind etablierte, kommerzielle Vertriebskanäle, verbunden mit zuverlässigen Services.

Häufig wird dann allerdings aktives (klassisches) Marketing benötigt und nicht nur die passive Vermarktungswirkung eines Open Source Projektes.
Finanzierung
Wie sind die Finanzierungsnotwendigkeiten? Die Entwicklung hin zu einem fertigen Produkt benötigt nur kleine bis mittlere externe Investitionen mit über-schaubarem Entwicklungsrisiko. Diese Investitionen können
  • aus der Community (z.B. in-kind)
  • durch die Forschungseinrichtung bzw. Drittmittel
  • durch mehrere industrielle Nutzer parallel ohne den Schutz eines Schutzrechts getragen werden
Die Entwicklung hin zu einem fertigen Produkt benötigt große bis sehr große Investitionen Diese Investitionen können meist nicht aus der Community bzw. durch Unternehmen ohne IP-Schutz getragen werden, sondern erfordern kommerzielle Investments mit Aussicht auf entsprechende finanzielle Rückflüsse. Ohne diese Investitionen würde eine Verwertung / Nutzung der Technologie wahrscheinlich scheitern.
Wie wahrscheinlich haben Open-Geschäftsmodellen realistisch Erfolg? Eines oder mehrere Open-Geschäftsmodelle (= Möglichkeiten auch mit einer Open Source lizensierten Hard- oder Software Erlöse zu erzielen) werden wahrscheinlich funktionieren und können damit den Aufwand für Erhaltung / Weiterentwicklung der Technologie unterstützen. Open- Geschäftsmodelle werden wahrscheinlich eher nicht funktionieren, z.B.
  • weil der Markt / Nutzerkreis zu klein
  • potentielle Nutzer nicht ausreichend zahlungskräftig
  • Annahmen für Open-Geschäftsmodelle unrealistisch
Wie hoch ist das Volumen einer wirtschaftlichen Verwertung? Der wirtschaftliche Nutzen für die Forschungseinrichtung wäre im proprietären, kommerziellen Fall eher gering. Und/oder die wirtschaftliche Verwertung ist – aus was für Gründen auch immer – relativ unwahrscheinlich. Der wirtschaftliche Nutzen wäre im proprietären Fall vergleichsweise hoch. Eine proprietäre Lösung würde die Verbreitung bei Endnutzern nicht sehr stark behindern. Die zu erwartenden Produktkosten sind nicht zu hoch, bieten ausreichend Gegenwert (Leistung, Service) und sind durch Endkunden leistbar.
Wie wahrscheinlich ist eine erfolgreiche wirtschaftliche Verwertung? Eine wirtschaftliche Verwertung ist eher unwahrscheinlich, weil wenig Nachfrage bzw. wenig Zahlungsbereitschaft der Endnutzer oder das Thema zu komplex für einen wirtschaftlichen Akteur ist. Eine wirtschaftliche Verwertung ist sehr wahrscheinlich, weil hohe Nachfrage mit ausreichend hoher Zahlungsbereitschaft der Endnutzer vorhanden ist. Es gibt interessierte Unternehmen (bzw. es ist sehr wahrscheinlich, dass sich diese finden lassen) für die Übernahme und Weiterentwicklung des Ergebnisses.

Tool

Dieses Tool möchte Sie bei der Entscheidung unterstützen, ob Sie Ihre Soft- oder Hardware unter eine offene Lizenz stellen oder proprietär für eine kommerzielle Verwertung schützen wollen.

Dazu wurde ein Set von Fragen entwickelt, die jeweils in eine Richtung deuten. Die Fragen sind ausführlicher in der Entscheidungshilfe Open Source vs. Proprietäre / kommerzielle Verwertung erläutert.

Mit diesem Tool hier können Sie ihre Antworten visualisieren und in Ihrem Team vergleichen. Dazu können Sie – idealerweise jedes Mitglied Ihres Teams separat – die Fragen auf der Personenseite ausfüllen. Die Antworten werden als Polaritätsprofil auf einem separaten Blatt angezeigt.

Laden Sie sich das excel-Tool runter: EXCEL-TOOL

Technisches & Ausfüllhinweise

  • Gehen Sie zu einem beliebigen Blatt „Person“. Hier können Sie durch Doppelklick auf den unteren Reiter Ihren gewünschten Namen eintragen, der dann auch so in der Auswertung erscheint.
  • Klicken Sie nun die zu Ihren Einstellungen passenden Antworten an. Hierzu steht Ihnen eine 5-teilige Skala zur Verfügung, die jeweiligen Enden der Skala sind verbal links und rechts stehend angegeben. Wenn Sie eine Frage nicht beantworten wollen oder können, klicken Sie einfach nicht. Wenn Sie einen Klick rückgängig machen wollen, tragen Sie in dem zugehörigen grünen Feld einfach eine 0 ein.
  • Zum Schluss Speichern nicht vergessen 😉.
  • Weitere Personen können in den weiteren Personen-Blättern die gleichen Fragen beantworten. Wenn alle gewünschten bzw. notwendigen Personen ausgefüllt haben, finden Sie die Auswertung im Blatt Polaritätsprofil.
  • Hier können Sie alle teilnehmenden Personen in einem Diagramm anzeigen (alle Häkchen vor den jeweiligen Personen gesetzt) oder einzelne Personen ein- und ausblenden.

Viel Erfolg bei der Nutzung und vor allem der anschließenden Entscheidungsfindung!